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Ausbildungsplatz dringend gesucht

Das Thema „Die Schule endet und was kommt dann?“ beschäftigt Nick* (Name geändert) und die Diplom-Sozialpädagogin Ellen Stamme bereits seit gut einem Jahr. Im Sommer endet seine Schulzeit und der Asperger-Autist muss jetzt Entscheidungen treffen und die Weichen für die Zukunft stellen. Welchen Weg will ich einschlagen, welche Ausbildung will ich machen, was sind meine Stärken, was passt zu mir? Für jeden Heranwachsenden ohne Beeinträchtigung sind dies bereits Herausforderungen, für Nick sind es besonders große. Ellen Stamme begleitet ihn auch dabei.

Hilfe geben natürlich auch seine Eltern: Seine Mutter sucht die Ausbildungsstellen, Nick schreibt die Bewerbungen und der Vater verschickt sie online oder per Post. Ambulanz, Eltern und Nick bilden ein stabiles und konstruktives Team.

Einen Ausbildungsplatz wünscht er sich und dafür bewirbt er sich. Bäcker, Mechatroniker, Fachkraft für Lagerlogistik – Nick hat in diesen Bereichen Praktikumserfahrung gesammelt und sich breit aufgestellt. Bis jetzt kommen nur Absagen. Gilt er als noch zu jung für eine Ausbildung aus Sicht potenzieller Arbeitgeber, oder ist es sein Autismus, der die Einstellung verhindert? Weder Ellen Stamme noch seine Mutter wissen darauf eine Antwort. Es gibt auch keine Rückmeldungen von den Firmen über die Gründe der Absagen.

Für Ellen Stamme sind die Ablehnungen ein Rätsel, denn Nick sei ein höflicher, angepasster junger Mann, der unglaublich angenehm in der Zusammenarbeit sei. Seit drei Jahren begleitet sie ihn. „Es gab immer Ziele und es hat sich in dieser Zeit viel Positives entwickelt. Nick hat viel an Selbstständigkeit dazugewonnen und sich vor allem im vergangenen Jahr gut gemacht. Im Kontakt mit Menschen ist Nick relativ sicher, er besitzt eine gewisse Zugewandtheit, ist freundlich, offen und hält Blickkontakt“, sagt Ellen Stamme.

Bei seinen Praktika im Rahmen des Berufsorientierungsprojektes wussten seine Arbeitgeber nicht, dass er Asperger-Autist ist. Gute Zeugnisse waren die Früchte seiner Arbeit, doch bei einer anschließenden Bewerbung um einen Ausbildungsplatz gab es nur ein Nein. Ellen Stamme und die Familie schwanken, ob es gut sei, in die Bewerbung zu schreiben, dass er Asperger-Autist sei. Das Halbwissen in der Öffentlichkeit um den Autismus mache die Ehrlichkeit zum Wagnis.

Gesucht wurde bisher ein Ausbildungsplatz in einem gewissen Radius zum Elternhaus, wo Nick noch wohnt. Doch inzwischen sucht seine Mutter auch andere Wege, die möglicherweise außerhalb seines Heimatortes liegen. Den Zoll als Arbeitgeber – offen für Menschen mit Autismus – hat sie in den Fokus genommen. Problem: Nick müsste das dortige Internat besuchen – hier liegt die Schwierigkeit.

Gelingt es ihm nicht, bis zum Schuljahresende den ersehnten Ausbildungsplatz zu bekommen, muss Nick die Berufsschule besuchen. Das sieht das Gesetz vor, denn Nick kann nur elf Schuljahre vorweisen, in Niedersachsen sind zwölf Pflicht. Die Berufsschule hat bereits ihr Entgegenkommen signalisiert, doch Nick graut vor dem Besuch. Die Größe der Klasse und mögliche Konflikte mit Mitschülern lösen Stress bei dem 17-Jährigen aus.

Stress löst noch eine andere Vorstellung aus. Nick wird im Januar 2018 volljährig, dann endet die Förderung und Beratung durch die Ambulanz und Beratungsstelle. Doch das wäre gerade dann der Zeitpunkt, zu dem er Begleitung bräuchte. Ellen Stamme hat bereits gemeinsam mit den Eltern und dem Arbeitsamt über die Notwendigkeit einer Begleitung und Unterstützung gesprochen. Spezielle Anbieter, die im Bereich der Ausbildungs- oder Arbeitsplatzsuche für Menschen mit Handicap ihren Schwerpunkt haben, gibt es, doch jetzt fällt er unter Umständen in die Versorgungslücke. Denn Unterstützung durch den möglichen Anbieter gibt es nur dann, wenn Nick zwölf Schuljahre absolviert hat. Das wäre im Januar nicht der Fall.

Damit ruhen die Hoffnungen aller auf einem Ausbildungsplatz und die Hoffnung, dass endlich ein potenzieller Arbeitgeber den 17-Jährigen auch einmal kennenlernen und sich von seinen Stärken beeindrucken lassen möchte. Denn Nick hat insbesondere durch seine Beeinträchtigung auch Stärken: Freundlichkeit, Pünktlichkeit, Genauigkeit.