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Das Leben bestimmt

Montag, 6.45 Uhr. Birte Müllers Wecker schrillt, ob sie will oder nicht, die Diplom-Sozialpädagogin der Ambulanz und Beratungsstelle muss aufstehen. In 105 Minuten steht in der Brehmstraße ein Elterngespräch auf dem Plan. Frisch geduscht und gefrühstückt macht sie sich auf die Autosuche und steigt in ihr rollendes Büro und Materiallager. Noch hat sie die Vorstellung, dass es in dem geplanten Gespräch um Zielvereinbarungen für das autistische Kind gehen wird. Es kommt anders. Die Trennung vom Ehepartner ist das Thema, Trost und Beratung der Mutter sind Gesprächsgegenstand. Für die Zielvereinbarungen gibt es einen neuen Termin.

In Gedanken peilt Birte Müller das nächste Ziel an: eine Schule in Garbsen, wo um 10.30 Uhr ein Kind mit frühkindlichem Autismus auf sie wartet. „Ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Wie wird mir T. begegnen? Werden wir zusammen lachen oder treffe ich auf ein aufgewühltes Kind, das schlägt und tritt?“ Das sind ihre Gedanken auf der A 2. Heute geht alles besser, das Mädchen ist viel präsenter, lebendiger. Mit dem Schulbegleiter gibt es einen guten Austausch. Birte Müller verlässt die Schule mit einem positiven Gefühl: Ihre Förderung zeigt Wirkung, es wird etwas sichtbar.

Nur kurze Zeit bleibt zum Umschalten: Um 13 Uhr muss sie in der nächsten Schule sein, dort ist sie mit einem Jugendlichen mit atypischem Autismus zu einem Umwelttraining verabredet. Die strategische Frage ist: Wo stelle ich mein Auto ab? Denn sie wird den Jungen von der Schule mit der Straßenbahn nach Hause begleiten. Der Schüler steigt in die Bahn und Birte Müller nimmt die nächste. Heute soll der 15-Jährige erstmalig allein fahren. Die sieben Minuten zwischen zwei Bahnen werden effektiv genutzt, um telefonisch bei einer Mutter in Seelze die Unterschrift für eine Abrechnung zu organisieren.

Wieder im Auto müsste Birte Müller eigentlich zum nächsten Termin fahren, immer in der Hoffnung, weder Stau noch Unfall zu erleben. Der Termin wird abgesagt, das Kind ist krank und Birte Müller hat auf einmal Zeit für die 1000 anderen Aufgaben, die jeder Mitarbeiter der Ambulanz und Beratungsstelle in seinem Berufsalltag hat. Froh ist sie, dass sie diese Zeit nutzen kann – auch um nach Seelze zu fahren für die noch ausstehende Unterschrift.

Ihr Auto ist gleichzeitig Büro und Esszimmer – genauso wie für ihre Kollegin Kathrin Behncke, Sonderpädagogin M. A., die seit Januar für die Ambulanz arbeitet und im Zuge ihrer Einarbeitung bereits sieben Kinder in der Förderung hat. „Jeder Tag, jede Woche sieht anders aus, kaum ein Tag läuft so ab wie geplant“, beschreibt sie ihre ersten Monate. „Das Leben bestimmt.“ Erstaunt ist die junge Mitarbeiterin, wie viel sich um das Kind herum bewegt, und empfindet diese Vielschichtigkeit als spannend.

Gerade dieser Abwechslungsreichtum reizt Kathrin Behncke an ihrem Beruf: die Arbeit mit dem Kind, Zusammenarbeit mit Eltern und den Jugendämtern, Dokumentationen, Berichte, das Lebensumfeld der Kinder, die Schulen. Ein breites Feld wird beackert, immer im Sinne des Kindes mit Autismus.

Termine sind ein großes Thema für sie und ihre Kollegen. Oft sei es schwierig, Terminvereinbarungen zu treffen, weil die Kinder schon viele Verpflichtungen im Kalender haben. Zwangsläufig arbeiten die Pädagogen bis in die Abendstunden – reguläre Arbeitszeiten kennen sie nicht. „In meiner Arbeit bin ich sehr flexibel, kann meinen Arbeitsalltag selbst gestalten, das ist ein Vorteil, den viele Menschen in ihrem Berufsalltag nicht haben. Privates lässt sich gut mit Beruflichem verbinden. Bei vielen Kindern kann die Förderung aufgrund der langen Schulzeiten erst am Nachmittag stattfinden. Dadurch bin ich eigentlich nie vor 18 Uhr zu Hause“, sagt Christian Pelka, Diplom-Sonderpädagoge und seit drei Jahren für die Ambulanz und Beratungsstelle tätig. „Man muss gern Auto fahren, gern organisieren und gern immer neue Menschen kennenlernen“, fügt er hinzu.

Man muss auch das täglich Unvorhersehbare mögen und es organisieren können. Nicht nur Klassenfahrten, Krankheiten und Praktika der Kinder vereiteln häufig die Planungen. Aktuell hat er zwölf Kinder in der Förderung und Beratung und ist an manchen Tagen von morgens bis abends unterwegs – in den Ferien hat er manchmal kaum etwas zu tun. Auch damit muss er zurechtkommen, manchmal Minusstunden, manchmal Plusstunden – alles gleicht sich aus. Besonders die Organisation nimmt für alle viel Zeit in Anspruch.

Die individuelle Förderung ist seine wie auch Kathrin Behnckes und Birte Müllers Aufgabe, doch die Realität sieht oft anders aus. Das Leben bestimmt. Immer wieder gibt es sowohl in den Förderstunden als auch in der Beratung Themen, die vordergründig nicht autismusspezifisch sind oder das Handlungsspektrum der Ambulanz deutlich überschreiten: Trennungsgeschichten, weitere Symptomatiken von Familienmitgliedern oder Schulverweise. Bei aller Bereitschaft zur Beratung in Lebensfragen ist es ihm wie auch seinen Kolleginnen wichtig, die Grenzen aufzuzeigen und die inhaltliche Arbeit auf die Autismus-Spektrum-Störung zu begrenzen. Das ist ihre Aufgabe – autismusspezifische Förderung – ,sodass für jedes Kind größtmögliche Teilhabe an seiner Umwelt möglich ist.