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Kochen macht’s möglich

Drei Jugendliche mit Autismus präsentierten ihr eigenes Kochbuch

Noch vor einem halben Jahr wäre das Szenario komplett unvorstellbar gewesen: Nick, Dorian und Kai-Uwe auf einem Podium vor rund 100 Menschen. Unvorstellbar, dass die drei jungen Autisten dem Publikum auf dem Jubiläumsfest des THZ ihr Kochprojekt vorstellen, und dass ihnen diese Präsentation auch noch Spaß macht. „Und ihren Spaß hatten sie daran. Das war nicht zu übersehen“, sagte Birte Müller, Diplom-Sozialpädagogin des THZ. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen, den Sozialpädagogen des Autismus Zentrum Hannover (AZH); Anja Kantic und Antje Spetzke, leitete sie die Jugendlichen mit Autismus an und begleitete sie über fünf Monate, Gerichte ihrer Wahl gemeinsam zu planen und zuzubereiten.

Gleichzeitig waren die 13- bis 15-Jährigen aufgefordert, ihre Art und Weise  der Arbeitsorganisation und Darbietung der Speisen fotografisch abzubilden – unterstützt  hat sie dabei der Fototechniker Dr. Harald Gorr, der die wesentlichen Arbeitsschritte möglichst ohne Einflussnahme auf die Gestaltungsideen der Jugendlichen im Bild festhielt.

Alles zusammen ergab das Kochbuch mit dem Titel: „Verschiedene Geschmäcker und Sichtweisen. Eine fotografische Entdeckungsreise beim experimentellen Kochen mit Jugendlichen aus dem THZ:2 Der Titel mag vielleicht zunächst etwas sperrig klingen, aber es ist der Buchtitel, den Nick, Dorian und Kai-Uwe selbst auswählten und es ist ihr Buch, das im Zuge eines Kochprojektes entstand. Seite für Seite spiegelt jedes Gericht die besonderen Sichtweisen und Vorlieben der einzelnen Jugendlichen wieder.

„Alle drei Jugendlichen hatten das Interesse zu kochen, aber sie hätten sich dafür nicht eine Gruppe ausgesucht. Dennoch war es das  Ziel; mit dem Projekt „Das Kochbuch“ den Menschen mit Autismus einerseits einen Raum der Zugehörigkeit und Gemeinschaft anzubieten, andererseits ihnen auch die Möglichkeit des Ausdrucks und des Dialogs mit ihren Mitmenschen zu geben. Wir haben dafür die Medien der Essenszubereitung, als eine der ältesten Kulturtechniken unserer Menschheitsgeschichte; und der Fotografie gewählt“, erklärt Birte Müller, Diplom-Sozialpädagogin in der Ambulanz und Beratungsstelle des AZH, ein Projektziel der bunt gemischten Kochgruppe.

Unterschiedlicher hätte die Gruppe nicht sein können, jeder Jugendliche hat eine andere Diagnose - frühkindlicher, Asperger und atypischer Autismus; und jeder der drei Jugendlichen brachte eine besondere persönliche Stärke mit ein: Der eine hatte ein besonderes Gefühl für Ästhetik und Design, der andere hatte während der Kochstunden den kompletten organisatorischen Überblick, wusste immer, was gegenwärtig gemacht werden musste, und der nächste konnte sich mit seinem umfangreichen Wissen über Fleischzubereitung sowie über die Eigenheiten von Gewürzen in die Gruppe einbringen.

 „Das Pilotprojekt hatte einen klaren Anfang und ein klares Ende; und es hatte mit dem Kochbuch ein klares Ergebnis.“ Für den Fotografen Dr. Harald Gorr, der zum zweiten Mal ein Projekt der Ambulanz fotografisch begleitet, ist dies ein ganz wichtiger Aspekt. „Die Jugendlichen spüren ganz genau, ob das Projekt ein klares Ziel hat.“

Birte Müller ergänzt das: „Die Jugendlichen spüren sehr gut, ob sie ernst genommen werden und integriert sind.“ Ihr Gefühl, etwas Sinnvolles, Zielorientiertes zu machen, hat wesentlich zum Erfolg beigetragen. „Drei Jugendliche, die sozialen Umgang miteinander haben, die miteinander gekocht haben, dabei Aufgaben und verschiedene Rollen übernahmen, das hat alles zum größten Teil funktioniert“, erklärt Birte Müller ein Erfolgsergebnis.

Nicht nur die Gruppe, auch jeder Einzelne konnte für sich etwas mitnehmen, so wie ein Jugendlicher, der vor einem halben Jahr kaum sprach und ein anderer Jugendlicher, der beim ersten Treffen der Gruppe gar nicht in das Haus gehen wollte und sich deshalb hinter einem Baum versteckte.

Bei der Buchpräsentation während der Jubiläumsveranstaltung schilderten sie dem Publikum frei und unaufgeregt, wie ihre Kochstunden verlaufen sind. „Insgesamt sind sie selbstbewusster geworden - im ursprünglichen Sinne des Wortes. Sie wissen, was sie wollen, was sie können und sie sind sich dessen bewusster geworden. Alle drei haben sich während des Projektes unterstützt. Sie haben sich untereinander wahrgenommen und konnten sich am Ende sowohl in ihrem Tun als auch in ihren Gesprächen, gespickt mit viel Humor, aufeinander beziehen. Kochen in Kombination mit dem Wissen, sich anschließend mit dem eigenen Produkt zu präsentieren, war einfach das Mittel, was dies alles bei den Jugendlichen bewirkt hat“, stellt die Mitarbeiterin der Ambulanz und Beratungsstelle fest.  

Zur Umsetzung und Verwirklichung ihres Projektes brauchte die Ambulanz und Beratungsstelle finanzielle Unterstützung. Gefördert wurde das Projekt durch die Stiftung des Bundesverbandes Autismus Deutschland, die Klosterkammer Hannover, die Landeshauptstadt Hannover, die Stiftung Irene, die Langesche Stiftung und die Diakonie in Niedersachen.