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Tilos Quantensprung

Tilo* (Name geändert) ist der „kleine Physiker“ im AZH. Er befasst sich mit Tornados, Schwarzen Löchern und allem, was mit Physik zu tun hat. Vor allem komplexe Physik. Die Zahl Pi kennt er bis auf die letzten zehn Stellen und aktuell hat es ihm die String-Theorie angetan. Schnappt er etwas auf, lässt er nicht locker, bis er die gewünschte Information hat. Spricht er über physikalische Themen, dann sind seine Zuhörer angehalten, aufmerksam zu lauschen. Doch nicht jedes Gegenüber teilt seine große Leidenschaft für Physik. Diese Naturwissenschaft ist sein Spezialinteresse, denn Tilo hat das Asperger Syndrom.

Seit 2014 erhält er durch die Ambulanz und Beratungsstelle Einzelförderung, Ellen Stamme begleitet den heute Siebenjährigen. „Wir haben mit Tilo einen Quantensprung gemacht“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin der Ambulanz und Beratungsstelle nicht ohne Stolz. „Tilo ist ein außergewöhnliches Kind, aber manchmal auch wie Michel aus Lönneberga, wild und sehr fantasievoll. Er liebt Geschichten und er sortiert die Planeten nach Größe, er liebt die Zahl Acht als Zeichen der Unendlichkeit und gerät ins Schwärmen, wenn er auf das Bild „ Calabi-Yau Manifold,A Planck Scale Manifold, 1,62 x 10 blickt und von den neun Raumdimensionen spricht“, beschreibt Ellen Stamme ihren jungen Klienten. „Drei Dimensionen kennen alle, Länge, Breite, Höhe, die anderen sechs sind aufgerollt, die sehen wir nicht“, erklärt Tilo mit aufmerksamem Blick am Küchentisch in der Ambulanz und Beratungsstelle.

„Vor zwei Jahren wäre es kaum möglich gewesen, mit ihm am Tisch zu sitzen. Heute schon, nur wenn er etwas isst, tritt sein Handicap zutage. Dann ist er wieder ganz weit weg, spricht nicht, sondern genießt sein Essen“, beschreibt seine Mutter das Verhalten.

Tilo ist kein Asperger-Autist wie aus dem Lehrbuch. Lediglich mit seinem Spezialinteresse erfüllt er auf den ersten Blick ein gängiges Bild. Tilo hält den Blickkontakt, spricht und sucht mittlerweile auch den Körperkontakt. Und er hat eine Freundin ohne Handicap, mit der er regelmäßig spielt.

Als Baby habe er besser allein geschlafen, sei ruhiger gewesen, wenn die Tür geschlossen war und er allein schlafen konnte, erinnert sich die Mutter an seine ersten zwei Lebensjahre. Aus dieser Beobachtung hätte sie damals ihre Schlüsse ziehen können. Doch bis zur Diagnose brauchte es noch seine Zeit. „Inzwischen gelingt es ihm auch immer besser, einzelne Bedürfnisse zu benennen – Hunger, Durst, Kälte kann er zunehmend definieren und benennen. Freunde möchte Tilo haben und Beziehungen halten“, betont seine Mutter. Letzteres ist tendenziell eher untypisch für einen Asperger-Autisten.

Doch typisch ist wieder ein anderes Spielverhalten, welches Tilo zeigt. Je ähnlicher ein Spielkamerad ist, desto schlecht kann er mit ihm spielen. Deutlich wird es in der Förderstunde, wo Ellen Stamme mit einem Kollegen und einem anderen achtjährigen Förderkind Tilo zum Memoryspiel einladen. Tilo zeigt am Tisch sehr schnell, dass die Situation ihm zu viel ist, und bricht aus. Ellen Stamme ist sich sicher, dass dieses Spiel nur funktioniert, weil es von den beiden Pädagogen moderiert wird. „Allein würden sie aneinander vorbeispielen beziehungsweise gar nicht ins Spielen kommen.“

Seit Sommer besucht der Siebenjährige die Grundschule in seinem kleinen Heimatort in der Region Hannover. Das Zusammenspiel zwischen Kindergarten, Frühförderung, Grundschule, Schulbegleitung und AZH half ihm beim Übergang in die Schule. „Scheinbar tut ihm die in der Schule herrschende Struktur von Unterricht-Pause-Unterricht-Pause gut“, sagt Ellen Stamme.

Vor zwei Jahren war vieles noch undenkbar. Tilo konnte nicht auf Fragen antworten, war ganz weit weg, fand keine Antwort auf eine konkrete Frage. Im letzten Jahr sei der Knoten geplatzt, ein Segen, denn es war die Frage, ob er eingeschult wird oder nicht, und wie das werden wird, wenn er im Klassenraum sitzt. Es ist geworden und die Akzeptanz und Unterstützung durch Lehrer und Mitschüler ist hoch. Lehrer und Eltern hätten mit seinen Klassenkameraden darüber gesprochen, dass Tilo anders ist. Eine Schulbegleitung ist an seiner Seite und auch der Austausch mit Ellen Stamme ist eng und regelmäßig. „Schule, Schulbegleitung, Kindergarten, Frühförderung und AZH haben ein geschlossenes System gebildet, das ihn auf seinem Weg begleitet hat“, sagt Ellen Stamme.

Tilo hat verschiedene Seiten, die charmante Seite, die ihm die Sympathiepunkte bei seinen Mitmenschen einbringt, und die andere Seite, die seine Beeinträchtigung deutlich sichtbar macht. Diese Förderstunde heute endet im Kindergarten des AZH. Dort gibt es eine Tafel auf der Tilo zum Ende der Stunde schreiben und malen darf.

Jetzt malt Tilo die String-Theorie an die Tafel und erklärt sie nebenbei. Plötzlich tritt seine andere Seite deutlich zutage, die Seite, die es ihm bisweilen in der Gesellschaft schwer macht zurechtzukommen. Der „Time Timer“ piepst, die Stunde ist beendet und Tilo soll die Kreide aus der Hand legen. Im Bruchteil einer Sekunde ist die andere Seite da, er brüllt los, sein Kopf läuft blitzschnell tiefrot an und er weint herzzerreißend, weil es ihm nicht gelingt, die Handlung zu beenden, obwohl die Zeit dafür abgelaufen ist. „Tilo ist in spezifischen Bereichen wesentlich weiter als seine Altersgenossen, in anderen Bereichen ist er deutlich zurückgeblieben. Er hat die eine Seite und die andere Seite. Trotz dieser anderen Seite ist Tilo eine Bereicherung für die Gemeinschaft, er kann ihr viel geben“, betont seine Mutter.